Krise mit Vorsatz

Die 2016 im Rahmen des EU-Türkei Abkommens errichteten Hotspots auf den griechischen Inseln sind humanitäre Krisengebiete. Ärzte ohne Grenzen hilft vor Ort und beobachtet, wie geflüchtete Menschen physisch und psychisch leiden. Ein von der Hilfsorganisation verfasster Bericht zeigt: die Lage verschlimmert sich weiter. Und ist politisch genau so gewollt.

Die medizinischen Auswirkungen des EU-Hotspot-Modells auf den griechischen Inseln

Im Juli 2019 besuchte ich das Lager Vathy auf Samos. Mehr als 7.500 Menschen lebten in dem Lager und im „Dschungel“ rund um das Lager, das für die Versorgung von maximal einem Zehntel dieser Zahl ausgelegt war. Was ich damals sah, gilt leider auch noch heute, auch wenn die Zahl der auf Samos festsitzenden Menschen nunmehr auf 1.500 Menschen gesunken ist.

Frauen, Männer und Kinder werden unter menschenunwürdigen, krankmachenden Bedingungen festgehalten. Wir behandeln überwiegend Krankheiten und Verletzungen, die diesen unmenschlichen Bedingungen geschuldet sind. Diese Bedingungen sind nicht zufällig so, wie sie sind, sie sind das Ergebnis einer produzierten Krise, präziser, einer politisch produzierten Krise. Es ist strukturelle Gewalt, die sich in die Körper und Seele der Flüchtenden einschreibt.

"NO MORE MORIAS"

Erinnern wir uns an die Versprechungen, fast Beschwörungen der EU „keine neuen Morias“, nachdem im September 2020 der Hotspot Moria in einem Flammeninferno aufgegangen war. Neun Monate später stehen wir nicht nur vor einem viel schlimmeren Moria, dem Lager in Mavrovouni oder Kara Tepe. Aus der Asche Morias erheben sich noch viel schlimmere Lager. Im Schlagschatten von Kara Tepe auf Lesbos entstand als erstes 'Lager einer neuen Generation' (euphemistisch Mehrzwecklager genannt) die gemeinsam von der griechischen Regierung und der EU betrieben werden sollen, das Lager Zervou auf der Insel Samos. Es soll  das Lager Vathy, das ich besuchte, ablösen und in Bälde bezogen werden. Ähnliche Lager sollen auf Lesbos,Chios, Leros und Kos folgen.

LAGER ALS GEFÄNGNISSE

Ärzte ohne Grenzen ist extrem besorgt über diese Mehrzwecklager, denn diese schreiben den katastrophalen Hotspot-Ansatz des EU-Türkei Deals von 2016 nicht nur fort, sondern sie verschärfen ihn noch. Menschen drohen in Zukunft nicht nur festgehalten, sondern de facto auf unbestimmte Zeit eingesperrt zu werden. Prekäre Lebensbedingungen und fehlende Basisversorgung, der Verlust von Würde, die bislang durch den Einsatz von Freiwilligen, der Zivilgesellschaft und iNGOs wie Ärzte ohne Grenzen wenigstens teilweise korrigiert werden konnten, das Korrektiv durch Kontrolle durch die Öffentlichkeit oder Medien fehlen gänzlich. Es sind perfekte black boxes.

GEFLÜCHTETE UNSICHTBAR MACHEN

Wir erleben eine paradoxe Situation: Während einerseits ein grelles Schlaglicht auf Flüchtende geworfen wird, das sie als amorphe Bedrohung darstellt, sollen zugleich die Menschen, Ihre Rechte und Bedürfnisse und die katastrophalen Folgen der EU-Abschottungs- und Abschreckungspolitik unsichtbar gemacht werden. Wir von Ärzte ohne Grenzen sehen diese in die Körper und Seelen der Menschen eingeschrieben und können dazu nicht schweigen.

KEIN PLATZ FÜR KINDER

Die Lager sind für Kinder ein extrem ungesunder, für das Kindeswohl vollkommen ungeeigneter Lebensraum, in dem sie vielen Gefahren ausgesetzt sind. Zwischen 2018 und 2020 führten wir über 42,000 Behandlungen von Kindern in unserer Klinik nahe Moria durch. Die häufigsten Erkrankungen erfolgten aufgrund der unhygienischen Lebensbedingungen, von Kälte in unbeheizbaren Zelten im Winter, sowie Verletzungen aufgrund von Unfällen, Feuer oder Gewalt.

2019 und 2020 behandelten unsere Psycholog:nnen 1,369 Patient:nnen, die meisten litten unter sehr schweren Erkrankungen, PTSD, Depressionen und schweren Angststörungen. Mehr als 180 Menschen, die wir behandelten, fügten sich selbst Verletzungen zu bzw. begingen Selbstmordversuche. Zwei Drittel dieser Patient:nnen waren Kinder, das jüngste war sechs Jahre alt.  

Zwischen Oktober 2019 bis dato haben wir mehr als 43 Millionen Liter Trinkwasseraufbereitet und per Tanklastwagen an Menschen um das Lager Vathy aus Samos verteilt, da das Wasser dort für den Genuss ungeeignet ist.

Die 35-jährige Sharide lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern auf Samos. Das einzige, was ihr drei Wochen altes Baby warm halte, sei die Decke, in die es eingewickelt ist.

Die extrem beengten und unhygienischen Lebensverhältnisse setzen die Menschen in den Lagern hohen Risiken von Epidemien und Krankheitsausbrüchen aus, noch dazu, weil die meisten Menschen aus Konfliktgebieten kommen, in denen die Gesundheitssysteme zusammengebrochen waren und Impfungen nicht stattfanden. Auf europäischem Boden führten Teams von Ärzte ohne Grenzen 2017-2019 in Chios, Samos, Lesbos, Leros, und Kos Massenimpfkampagnen unter anderem gegen Tetanus, Masern, Diphterie und führen Routineimpfungen für Kinder auf Lesbos und Samos durch. Allein dort waren es mehr als 25.000 Impfungen.

FORDERUNG NACH MENSCHENWÜRDE

Wir fordern die EU und EU-Staaten inklusive der österreichischen Bundesregierung dazu auf, sofort die Schaffung geschlossener Mehrzwecklager der neuen Generation zu stoppen und nicht mehr weiterzuverfolgen. Wir sind überzeugt, dass mit demselben Mitteleinsatz menschenwürdige, menschengerechte und menschenrechtskonforme Grundversorgung der Menschen erreicht werden kann. Auch Österreich darf nicht tatenlos zusehen, wie die Gesundheit und das Wohl sowie die Würde von Menschen verletzt werden.

Der Bericht Krise mit Vorsatz basiert auf medizinischen und psychologischen Daten von über fünf Jahren der Teams von Ärzte ohne Grenzen auf den griechischen Inseln Lesbos, Samos und Chios (bis 2019) seitdem im Frühjahr 2016 mit dem EU-Türkei-Abkommen sogenannte EU-Hotspots eingerichtet wurden.

Hier geht es zum Bericht:

Neuer Bericht zeigtAusmaß politisch verursachten Leids | Ärzte ohne Grenzen Österreich(aerzte-ohne-grenzen.at)

Foto Credit: © Dora Vangi/MSF